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Julia Cohn - Denk-Mal gegen Ausgrenzung

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Julia Cohn - Denk-Mal gegen Ausgrenzung
Julia Cohn - Denk-Mal gegen Ausgrenzung

Jacob (James) Cohn, geb. 10.9.1883 in Hamburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga

Julia Cohn, geb. Cohen, geb. 14.10.1888 Hakmburg, deportiert am 6.12.1941 nach Riga

Jocob Cohn kam als Sohn von Moritz und Frumet (Flora) Cohn, geb. Schwartz, in Hamburg zur Welt. Sein Vater starb, als er zwölf Jahre alt war. Als einziger Mann im Haushalt – er hatte noch vier Schwestern – musste Jacob Cohn schon früh durch eigene Arbeit zum Lebnesunterhalt der Familie beitragen. Später wurde er Kaufmann und nach seiner Heirat mit Julia Mathilde Cohen am 18. Februar 1921 zunächst Gesellschafter, ab 1926 dann Inhaber der von seinem Schwiegervater mitgegründeten Zigarren-Großhandels-Firma Maass & Cohen. Seine spätere Ehefrau Julia Mathilde Cohn wurde als Tochter des Kaufmanns Ferdinand Siegmund Cohen und der Rebecca Cohen, beb. Seeler, in Hamburg geboren. Sie arbeitete als Volksschullehrerin seit dem 1. Oktober 1914 im Hamburger Staatsdienst und unterrichtete unter anderem an der Schule Humboldtstraße 30. 1924 wurde das einzige Kind des Ehepaares, Paul moritz Cohn, geboren. Die Familie lebte zunächst in der Isestraße in der Wohnung von Julia Cohns Mutter und bezog nach deren Tod 1925 eine Neubauwohnung am Lattenkamp 82. Das Unternehmen von Jacob Cohn florierte indes nicht, „die Zeiten waren schlecht für ihn“, erinnert sich der Sohn Paul Cohn. Laut der Handelskammerakte war die Firma bereits seit 1923 nicht mehr im Großhandels- und Export-/Importgeschäft tätig; seit 1926 habe nur noch der Firmenmantel bestanden, und es seien keine Geschäfte mehr getätigt worden. Jocob Cohn soll während dieser Zeit teilweise krank gewesen sein. 1933 wurde die Firma Stillgelegt, 1938 schließlich aufgelöst und am 6. Januar 1939 im Handelsregister gelöscht. Zwischen 1933 und 1938 arbeitete Jacob Cohn verschiedentlich als Buchhalter, zuletzt bei der Transithandelsfirma J. Jacobi & Co. Dem Inhaber der Firma wurde am 13. März 1938 von der Hamburger Devisenstelle durch eine Sicherungsanordnung die Geschäftsführungs- und Vertretungsbefugnis für deine Firma entzogen. Die Firma wurde schließlich liquidiert und das noch vorhandene Vermögen einem „arischen“ Kaufmann überlassen. Der Angestellte Jacob Cohn wurde entlassen. Danach fand er nur noch Gelegenheitsarbeiten, so etwa bei der Jüdischen Gemeinde.
Auch Julia Cohn verlor infolge der nationalsozialistischen Machtergreifung ihre Arbeitsstelle. 1930 war sie an die neu gebaute Schule Meerweinstraße versetzt worden. Auf Grundlage des „Reichsgesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurde sich jedoch mit Ablauf des 31. Oktober 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen. Danach konnte sie keiner regelmäßigen beruflichen Tätigkeit mehr nachgehen, gab lediglich gelegentlich Privatstunden. Auf ihr ersuchen hin und wohl auch, nachdem sich einige Schulräte, die sie aus ihrer Tätigkeit an der Schule Humboldtstraße kannte, für sie eingesetzt hatten, gestand die Landesunterrichtsbehörde ihr ein geringes Ruhegeld zu, das ihr vom 1. November 1933 bis zum 30. November 1941 gezahlt wurde. Die Familie war auf diese Pension angesichts der Arbeitslosigkeit von Jacob Cohn angewiesen; auch mussten sie von ihren Ersparnissen leben.
Bis Ende der 1930er Jahre diente den Cohns ein kleiner Schrebergarten in Groß Borstel als Rückzugsort von den Sorgen und Nöten des Alltags. Hier verbrachten sie ihre Wochenenden und ihren Urlaub, hier tragen sie sich mit Verandten und Bekannten, und hier konnte Jacob Cohn zumindest etwas Gartenarbeit verrichten. Auch schreib er gelegentlich kleine Gedichte. Den Schrebergarten gaben die Cohns schließlich auf, nicht auf spezifischen Druck hin, aber – so erinnert sich Paul Cohn - „es schien eben sobesser, daß man das aufgab“.
Nach Paul Cohns Erinnerung waren seine Eltern keine religiösen Juden, obwohl zumindest der Vater in seiner Kindheit religiös erzogen worden und mit den religiösen Bräuchen vertraut gewesen sei: „Wir waren bewußte Juden, aber wir waren nicht religiös.“ An hohen Feiertagen seien die Cohns in die Synagoge am Bornplatz gegangen. Auch politisch sei der Vater nicht besonders aktiv gewesen, habe jedoch nach seinen Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges, in dem er als Frontkämpfer mehrfach verwundet worden war, Krieg abgelehnt. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde Jocob Cohn verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Nach mehreren Wochen wurde er entlassen und man legte ihm dringend nahe, Deutschland zu verlassen. Jacob Cohn ist wohl seine Vergangenheit als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg zugute gekommen; er war unter anderem mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Es sollte indes nur eine Entlassung auf Zeit werden.
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, glaubten Jacob und Julia Cohn zunächst nicht daran, auswandern zu müssen. Sie fühlten sich ganz selbstverständlich als Deutsche – und sie fühlten sich sicher. Das Gefühl der Sicherheit nach jedoch in der Folgezeit ab: Im Sommer 1937 zogen die Cohns in die Klosterallee um, eine jüdisch geprägte Gegend, in der sie sich besser aufgehoben fühlten als in Winterhude. Parallel bemühten sie sich seit dieser Zeit – und besonders nach der Inhaftierung Jacob Cohns – dann um Auswanderungsmöglichkeiten – auch um den Preis, all ihren Besitz und ihr gesamtes Vermögen zurücklassen zu müssen. Zwar erhielten sie im Mai 1939 die Genehmigung zur Emigration, doch mehrere Faktoren hinderten sie anscheinend, umgehend auszureisen: So fand sich kein Land, in das sie hätten einreisen können, zumal ihnen die finanziellen Mittel fehlten; auch soll Jacob Cohn erkrankt gewesen sein. Es gelang ihnen jedoch, den 15-jährigen Sohn im Mai 1939 mit einem Kindertransport nach England zu schicken. In England angekommen, bemühte sich Paul Cohn vergebens beim dortigen Flüchtlingskomitee (Refugee Committee) um eine Ausreisemöglichkeit für seine Eltern. Nach dem Beginn des Krieges war ein solches Unterfangen aussichtslos. Jacob und Julia Cohn hatten zunächst noch Briefkontakt mit ihrem Sohn; auch versuchte Jacob Cohn, seinem Sohn das Fahrrad nach England nachzuschicken. Doch selbst der Briefkontakt wurde in der Folgezeit zusehends schwieriger. Einige Zeit, so erinnert sich Paul Cohn, sei es möglich gewesen, Briefe über Freunde oder Bekannte in den USA zu schicken – wobei diese Briefe so geschrieben werden mussten, dass aus dem Inhalt nicht ersichtlich wurde, von wem und woher die Briefe eigentlich kamen.
Seit dem 19. September 1941 waren Jacob und Julia Cohn verpflichtet, den „Judenstern“ zu tragen. Im Oktober 1941, so erinnert sich Paul Cohn, habe er das letzte Mal durch das Rote Kreuz Nachricht von seinen Eltern erhalten. Er sah sie nicht wieder. Am 6. Dezember 1941 wurden Jacob und Julia Cohn auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei, Leitstelle Hamburg, vom 4. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Sie überlebten nicht.
Paul Cohn erfuhr erst nach Kriegsende vom Tod seiner Eltern, auch wenn er vorher bereits mit dieser Nachricht gerechnet hatte. Über die genauen Todesumstände von Jacob und Julia Cohn ist nicht bekannt, ihr Todesdatum wurde auf den 8. Mai 1945 festgesetzt.

Seit 1985 ist Julia Cohn in Alsterdorf der „Julia-Cohn-Weg“ gewidmet, und an der Schule Meerweinstraße, der heutigen Stadtteilschule Winterhude, erinnern eine Gedenktafel und die Installation eines Güterwaggons der Deutschen Reichsbahn mit einer kleinen Ausstellung an die ehemalige Lehrerin Julia Cohn und ihre Kollegin Hertha Feiner-Asmus
Alexander Reinfeldt
(Textauswahl gelesen von: Anna, Babette)

© Ulrike Sparr
Quellen: AfQ 080124; Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg/Werkstatt der Erinnerung, WdE/FZH 095 Cohn, Paul M.; „Es ist ganz klar, daß sie noch ´ne Hoffnung ahtten …“, Gesamtschule Meerweinstraße (Hrsg.) Hamburg 1983; Frank Bajohr ‘Arisierung’ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933-1945, Hamburg 1997 (Hamburgr Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte, Band 35); Rita Bake, Wer steckt dahinter? Nach Frauen benannte Straßen, Plätze und Brücken in Hamburg, 3. Auflage, Hamburg 2003; Rüdiger Wersebe, Julia Cohn. Eine Kollegin verschwand spurlos, in: Ursel Hochmuth/Hans Peter de Lorent (Hrsg.), Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz. Beiträge der ‘Hamburger Lehrerzeitung’ (Organ der GEW) und der Landesgeschichtskommission der VVN/Bund der Antifaschisten, mit einem Geleitwort von Professor Joist Grolle, Hamburg 1985, S. 201 f. (S. 71ff)

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